Über das Netzwerk

Internationales Forschungsnetzwerk Transzendentalphilosophie/Deutscher Idealismus

Die klassische deutsche Philosophie sowie die Tranzendentalphilosophie stellen in ihrer Gesamtheit eine der größten Denk- und Kulturleistungen Europas dar: die gegenwärtige Philosophie ist ohne sie nicht vorstellbar; in ihnen ist nicht nur das zeitgenössische gesellschaftliche Welt- und Selbstverständnis tief verwurzelt, sondern sie bietet auch ein fast unerschöpfliches Reservoir an tiefdringenden Reflexionsfiguren und ein ungemein ergiebiges und präzises begriffliches Instrumentarium für Fragen, die die Menschen aktuell bewegen. Zurzeit spielen klassische Ansätze an deutschen Universitäten in historischer, aber vor allem in systematischer Perspektive leider eine zunehmend untergeordnete Rolle. Dadurch bleibt der außergewöhnliche Reichtum nicht nur dieser, sondern der gesamten neuzeitlichen Philosophie zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert oft ungenutzt, es kommt auch zu vermeidbaren gedanklichen Wiederholungen und bisweilen sogar zu Oberflächlichkeiten. Die klassische deutsche Philosophie ist dabei keineswegs, wie der Name andeuten könnte, auf Deutschland beschränkt, sondern vielfältig in die europäische Kultur eingewoben – sie ist im eigentlichen Sinne eine klassische europäische Philosophie.

Das Programm

Wir sind der Überzeugung: Aus den Quellen und dem Gedankengut der klassischen deutschen Philosophie ist eine Erneuerung der gegenwärtigen Philosophie und eine bis dato unerschlossene Bereicherung der Wissenschaft möglich. Eine gegenwartsorientierte und problembewusste europäische Philosophie verlangt eine profunde Kenntnis der klassischen deutschen Philosophiegeschichte. Das Forschungsnetzwerk konzentriert sich daher sowohl auf die Erforschung der systematischen Grundlagen als auch der geistesgeschichtlichen Ursprünge akuter zeitgenössischer Themen- und Problemstellungen.

Systematische Forschungsperspektiven

Die derzeit prominenten philosophischen Konzeptionen haben aus historischen oder immanenten Gründen die für die klassische deutsche Philosophie charakteristische Grundlegungsdimension von Wissen und Wissenschaft aus den Augen verloren. In systematischer Hinsicht zeigt sich, dass eine fruchtbare Fortführung der laufenden philosophischen Diskussionen sowohl in theoretischer wie praktischer Hinsicht eine Tiefendimension des Denkens verlangt, die derzeit nicht in Sicht ist. Es geht dem Forschungsnetzwerk hier um eine innovative, systematisch tragfähige Neu- bzw. Reformulierung eines Grundlegungsdenkens, das als integrative und kritische Orientierungswissenschaft für die unterschiedlichen philosophischen sowie fachwissenschaftlichen Perspektiven und Fragen fungieren kann.
Um die klassischen Autoren herum fand lange ein zumeist unfruchtbarer innerphilosophischer Kampf statt, der immer auch ideologische Tendenzen hatte. Dadurch verloren die Philosophischen Faktultäten häufig ihre gesellschaftliche und wissenschaftliche Verantwortung aus den Augen. Diese Voreingenommenheiten konnten inzwischen überwunden werden: Damit besteht erstmals seit 200 Jahren die Chance, dieses reiche Gedankengut neugierig und kritisch wiederzuentdecken sowie es in einen offenen Dialog mit den Sozial- und Naturwissenschaften und anderen philosophischen Disziplinen einzubringen. In der klassischen deutschen Philosophie steckt ein ungeahnt reiches Problemlösungspotential für zahlreiche Teilbereiche der inner- wie außerphilosophischen Wissenschaften, gängige Vorurteile lassen sich entkräften: Die klassischen Ansätze fallen insbesondere nicht unter das weitverbreitete Verdikt der modernen bzw. postmodernen Metaphysikächtung, sondern liefern im Gegenteil begriffliche Instrumente, um derlei Dogmatismusvorwürfe kritisch und konstruktiv zu reflektieren sowie die Absolutheitsansprüche, wie sie für Ideologien typisch sind, rational zu verwalten.

Geistesgeschichtliche Ursprünge

Die Arbeit des Forschungsnetzwerks hat auch einen geistesgeschichtlichen Schwerpunkt: Die Erforschung der klassischen deutschen Philosophie hat sich in der Vergangenheit auf wenige Protagonisten konzentriert: Kant, Fichte, Jacobi, Schelling, Hegel, Schlegel, Novalis, Hölderlin. Schnell kann man aber feststellen, dass in unserem Wissen über diese Epoche gewaltige Lücken klaffen: Bardili, Krug und Bouterwek sind so wenig bekannt wie Schulze, Solger, Sinclair oder Eschenmayer – Namen, die nur noch Experten etwas sagen, aber zugleich eine zentrale Rolle im intellektuellen und universitären Leben Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts gespielt haben. Hier ist eine noch ganz unbekannte geistige Welt zu erkunden. Außerdem kann man sehen, dass die französische, italienische, polnische oder amerikanische Forschung hier weiter ist als in Deutschland. Längst hat man dort erkannt, dass ein Rückblick auf diese Zeit gerade für systematische Fragen äußerst lohnenswert ist und dass auch die ‚kleineren’ Namen bedeutenden Gewinn versprechen.

Zur Gründung

Bei der klassischen deutschen Philosophie handelt es sich um einen sehr komplexen Bereich, ihr Studium ist zeitintensiv und langwierig. Vielerorts, vor allem in Deutschland, traut man ihr oft nicht mehr zu, dass sie etwas zu gegenwärtigen Problemstellungen beitragen könnte. Das wird unter den Forschern und Nachwuchswissenschaftlern in Deutschland, besonders aber im Ausland, mit Verwunderung und Ratlosigkeit registriert. Um der Gefahr entgegenzuwirken, dass ein Studium der klassischen deutschen Philosophie in Deutschland bald nur noch eingeschränkt möglich sein könnte und um die Dringlichkeit und Fruchtbarkeit ihrer systematischen Erforschung zu unterstreichen, wurde das Internationale Forschungsnetzwerk Transzendentalphilosophie / Deutscher Idealismus gegründet.
Es hat sich seit dem Jahr 2000 zunächst aus dem Kolloquium von Christoph Asmuth an der Technischen Universität Berlin entwickelt. Intensive Studien zur Philosophie J. G. Fichtes und anderer klassischer deutscher Autoren haben junge Nachwuchswissenschaftler aus deutschen und europäischen Städten in Berlin zusammengeführt. Durch einen freien Zusammenschluss entstand 2002/03 eine gemeinsame Arbeitsgruppe. In der Folgezeit schlossen sich weitere Nachwuchswissenschaftler an. Es zeigte sich, dass die universitäre Ebene für das breite Interesse an der klassischen deutschen Philosophie zu eng wurde. So folgte 2007 die Erweiterung zum Internationalen Forschungsnetzwerk. Mittlerweile umfasst das Netzwerk ca. 30 Forscher aus Argentinien, Belgien, Deutschland, Italien, Japan, Frankreich, Kroatien, den Niederlanden, Polen, Portugal, Russland, Spanien sowie den Vereinigten Staaten. Zudem engagiert sich seit 2007 der Verlag frommann-holzboog im Rahmen der elektronischen a priori-Datenbank.
Aufgrund eines leidenschaftlichen Engagements der Mitglieder und Mittels zielgerichteter Bündelung von Aktivitäten und Interessen ist das Forschungsnetzwerk inzwischen zu einer wichtigen Stätte der Forschung in ganz Europa und zu einem attraktiven Ansprechpartner für Studium und Lehre in Berlin und Deutschland avanciert. Es bildet eine Plattform zum Austausch von Informationen, zur Anzeige und Entwicklung von Forschungsfeldern und zur Vermittlung von Inhalten, Texten und Büchern. Dabei arbeitet das Forschungsnetzwerk in Kooperation mit unterschiedlichen universitären Einrichtungen und philosophischen Gesellschaften sowie Stiftungen. Es besteht nicht nur aus etablierten Forschern, sondern wird besonders vom wissenschaftlichen Nachwuchs getragen. Seit dem Jahr 2003 finden in jedem Jahr mehrere internationale Arbeitstagungen und Workshops zu aktuellen Themen statt, deren Beiträge publiziert werden. Gemeinsam organisierte Tagungsreisen sowie zahlreiche freie Arbeits- und Gesprächskreise dienen der Vorbereitung und Vertiefung der thematischen Arbeit. Das Netzwerk ist seinem Selbstverständnis nach offen für jeden, der ein wissenschaftliches Interesse an der Schnittstelle zwischen klassischen deutschen und zeitgenössischen Ansätzen in der Philosophie hat. Es sucht den offenen Dialog und kritischen Austausch mit anderen Einrichtungen und Gesellschaften. Das Netzwerk hat seinen Sitz in Berlin, wo zurzeit die meisten Aktivitäten stattfinden; darüber hinaus bestehen europäische und inzwischen weltweite Vernetzungen und Kooperationen, die stetig ausgebaut werden.

Zusammenfassung

Das Internationale Forschungsnetzwerk versteht sich insgesamt als eine kritische, offene, unabhängige und internationale Arbeitsgemeinschaft mit dem Ziel, die Interessen und Aktivitäten im Bereich der Transzendentalphilosophie und klassischen deutschen Philosophie und daran anschließender systematischer Forschung zu bündeln und weiter zu vertiefen. Der Fokus der Arbeitsgruppe liegt auf einer historisch informierten und systematischen Erforschung der Leistungsfähigkeit der klassischen deutschen Philosophie in Bezug auf wichtige Themenbereiche der aktuellen Diskussionen. Mit Blick auf die historische Forschung geht es dabei zunächst um die gemeinsame Diskussion zentraler Texte sowie um die Erschließung bislang nur unzureichend erforschter Autoren. Das Internationale Forschungsnetzwerk folgt damit dem genealogischen Anliegen einer Erforschung der historisch-systematischen Entwicklungslinien, die von der Transzendentalphilosophie und vom Deutschen Idealismus in das 21. Jahrhundert führen. In systematischer Auseinandersetzung sowohl mit gegenwärtigen Positionen als auch mit wichtigen Versuchen, das klassische Denken zu erneuern, werden die begriffliche Tiefendimension und der argumentative Gehalt der klassischen Positionen herausgestellt und in die aktuellen Diskussionen integriert.

Christoph Asmuth
Christoph Binkelmann
Eva Schneider