Sein – Reflexion – Freiheit. Aspekte der Philosophie Johann Gottlieb Fichtes

Sein – Reflexion – Freiheit. Aspekte der Philosophie Johann Gottlieb Fichtes

(Hg.), Sein – Reflexion – Freiheit. Aspekte der Philosophie Johann Gottlieb Fichtes. (Bochumer Studien zur Philosophie; 25) Amsterdam 1997.

Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes gehen auf eine Tagung zurück, die im Herbst 1994 in Bochum stattfand. Es handelte sich dabei um ein Forschungskolloquium der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Die in diesem Sammelband vereinigten Aufsätze zeigen ein vielseitiges Bild Fichtes. Die Beiträge stellen neue Ergebnisse aus den Forschungsbereichen der einzelnen Teilnehmer vor.

Hier ist insbesondere hinzuweisen auf die Frage nach der Einordnung Fichtes in die Entwicklung des sog. Deutschen Idealismus. Die Vorstellung früherer Forscher-Generationen von einer einheitlichen Bewegung im Ausgang von Kant ist längst korrigiert und richtiggestellt. Es hat sich gezeigt, daß sich die Entwicklung nicht linear von Kant über Fichte, Hölderlin und Schelling bis hin zu Hegel bewegt hat. Es scheint eher so, daß ausgehend von zentralen Überlegungen Kants in den drei Kritiken zunächst Fichtes Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (1794) die gemeinsame Basis aller folgenden Bemühungen wurde. Man kann – wenn man diese philosophische Entwicklung aus einer gewissen Distanz betrachtet – sagen, daß sich diese Gruppe nachkantischer Philosophen bis zur Jahrhundertwende in einem homogenen Gesprächszusammenhang bewegte. Das änderte sich nach 1800 rasch. Um 1810 ist diese Gruppe vollends auseinandergebrochen. Deshalb gewinnt die Frage immer stärkere Bedeutung, ob denn nicht bereits in der ersten, in der Jenaer Phase des sog. Deutschen Idealismus, divergierende Problemansätze vorhanden waren.

Im vorliegenden Band widmen sich die Beiträge von ALFRED DENKER und ORINN F. SUMMERELL dem Verhältnis von Fichte und Schelling. Dieses Verhältnis besaß niemals die Nähe wie das von Schelling und Hegel. Gleichwohl darf man sagen, daß es in der Geschichte der Philosophie kaum eine philosophisch so fruchtbare, wenn auch häufig verfehlte Auseinandersetzung gegeben hat. Während sich diese beiden Beiträge mit der frühen Phase der Auseinandersetzung beschäftigen, geht der Aufsatz von ANNETTE SELL auf die spätere Wissenschaftslehre Fichtes ein und vergleicht sie mit Hegels Phänomenologie des Geistes. Der systematische Vergleich dieser beiden Autoren ist ein Desiderat der Forschung. Im Beitrag von Annette Sell wird deutlich, wie sich gerade am Begriff des Lebens, der für beide Denker zentral ist, die Bemühungen in die gleiche Richtung bewegen, wenngleich die Ausprägungen unterschiedlich ausfallen. Der Beitrag von FRANK VÖLKEL schließlich widmet sich einem Text Hölderlins, Urtheil und Seyn, welcher der Forschung schon seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1961 Rätsel aufgibt. Offensichtlich ist dieser Text von Fichtes Grundlage beeinflußt, enthält jedoch auch eine Kritik an Fichte und versucht über dessen Konzept der Ich-Philosophie hinauszugehen.

Der zweite des Teil des Sammelbandes setzt sich mit einigen Aspekten der Wissenschaftslehre auseinander. Die beiden Aufsätze von KLAUS HAMMACHER und FELIX KRÄMER wenden sich der methodischen Seite der Wissenschaftslehre zu. Der Beitrag von Klaus Hammacher stellt die Methode des Fichteschen Denkens in die Geschichte der Dialektik, während sich der Beitrag von Felix Krämer der frühen Wissenschaftslehre zuwendet. Seit dem programmatischen Text von Dieter Henrich: Fichtes ursprüngliche Einsicht befaßt sich die Fichte-Forschung immer wieder mit der Problematik des Reflexionsmodells und seiner Überwindung in der Wissenschaftslehre Fichtes. In diesen Diskussionszusammenhang gehört der Beitrag von JÖRG-PETER MITTMANN über die präreflexive Existenz meiner selbst.

Ein weiterer Teil widmet sich einigen Teilaspekten der Philosophie Fichtes. Hier ist es vor allen Dingen der Naturbegriff, der einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Es ist ein altes Vorurteil, Fichtes Denken kenne keine Naturphilosophie. Der Aufsatz von HARTMUT TRAUB widerlegt dieses Vorurteil und zeigt darüber hinaus auf, welcher systematische Stellenwert dem Naturbegriff bei Fichte zukommt. Die Aufsätze von Klaus Kahnert und Dirk Schmid thematisieren zwei wichtige Schwerpunkte in der Fichte-Forschung. Das ist zum einen die Sprachphilosophie. Der Beitrag von KLAUS KAHNERT wendet sich einigen wichtigen Texten aus der Jenaer Zeit zu, stellt sie dar und bewertet sie im Kontext der Sprachphilosophie und ihrer Geschichte. Ein zweiter Schwerpunkt bildet die Religionsphilosophie. Der Beitrag von DIRK SCHMID geht auf die bisher wenig bearbeiteten Texte aus Fichtes Spätwerk, insbesondere auf die sog. Staatslehre (1813), ein und zeigt die Bedeutung theologischer Inhalte für die Spätphilosophie Fichtes auf.

Der letzte Teil des vorliegenden Sammelbandes stellt die Philosophie Fichtes in den größeren Zusammenhang der Philosophiegeschichte. Der Beitrag von BURKHARD MOJSISCH macht darauf aufmerksam, daß nicht erst bei Fichte eine Theorie des Ich begegnet, sondern bereits weit vor ihm bei Meister Eckhart. Diese Einsicht ist neu und initiiert eine weitere systematische Erforschung der Ich-Philosophie, dies nicht nur im Hinblick auf die beiden Autoren. Der Aufsatz von CHRISTIAN DANZ zeigt die religionsphilosophischen Überlegungen des Theologen Friedrich Gogarten auf dem Hintergrund seiner Beschäftigung mit Fichte und geht der Frage nach, inwieweit diese Beschäftigung dem Denken Fichtes entspricht. Der Aufsatz von CHRISTOPH ASMUTH schließlich beschäftigt sich mit dem für Fichte zentralen Bildbegriff und zeichnet anhand der Bildtheorien von Plotin und Augustin, Thomas von Aquin und Meister Eckhart eine philosophische Linie nach, in der Fichtes Bildtheorie situiert werden kann. Gerade in bezug auf moderne und nachmoderne Bildtheorien stellt dieser Beitrag heraus, daß Bild und Abbild nicht nur in einem Abhängigkeitsverhältnis, sondern zugleich in einem Verhältnis wechselseitiger Bezogenheit und – schließlich – wesentlicher Einheit bestehen können.