Das Begreifen des Unbegreiflichen. Philosophie und Religion bei Johann Gottlieb Fichte. 1800-1806

Das Begreifen des Unbegreiflichen. Philosophie und Religion bei Johann Gottlieb Fichte. 1800-1806. Diss. Bochum 1995. (Spekulation und Erfahrung, Reihe II, Band 41)

Monographie Prof. Dr. Christoph Asmuth

Das Begreifen des Unbegreiflichen. Philosophie und Religion bei Johann Gottlieb Fichte. 1800-1806. Diss. Bochum 1995. (Spekulation und Erfahrung, Reihe II, Band 41) Frommann-Holzboog: Stuttgart-Bad Cannstatt 1999.

Im Zentrum der Arbeit stehen zwei Texte Johann Gottlieb Fichtes: Die Anweisung zum seeligen Leben (1806) und die Wissenschaftslehre von 1804. Beide Texte könnten nicht unterschiedlicher sein. Während die Anweisung – von ihrem Autor als populäre Schrift geplant – selbst eine gewisse Popularität erlangte, blieb die spätere Wissenschaftslehre, die in keiner der verschiedenen Fassungen zum Druck kam, bis in die Gegenwart hinein unbekannt oder doch nur unzureichend bekannt. Während sich die Anweisung durch rhetorischen Schwung auszeichnet, ist die Wissenschaftslehre unzugänglich und hermetisch in sich geschlossen. Ein Zusammenhang der beiden Schriften ergibt sich schon daraus, daß Fichte behauptet, seine populäre Schrift führe die Resultate der Wissenschaftslehre auf.

Mit der Thematisierung des komplementären Gegensatzes von Popularität und Wissenschaft setzt das Buch ein: Das zweite Kapitel nähert sich der Philosophie Fichtes daher zunächst unter einer historischen Perspektive. Fichte bezeichnet die Anweisung als eine populäre Schrift, und er widmet eine von elf Vorlesungen dem Thema: Läßt sich Philosophie populär vortragen oder muß sie sogar populär vorgetragen werden können? Fichte reagiert damit auf eine zeitgenössische Diskussion, deren Wurzeln bereits im frühen 17. Jahrhundert liegen. Dieses Kapitel beschäftigt sich daher sowohl mit der Stoffgenese als auch mit der Position Fichtes im Gesamtzusammenhang dieser Diskussion und ihrer spezifischen Ausprägung bei Fichte.

Das dritte Kapitel bezieht sich auf die Anweisung zum seeligen Leben. Ausgehend von der Frage nach dem Organ der Gotteserkenntnis, dem reinen Denken, wird der Gedankengang der Anweisung nachgezeichnet. Dabei stehen zwei Themen im Mittelpunkt: einerseits die Resultate der Wissenschaftslehre und andererseits die für die Religionslehre signifikante Theorie der Liebe.

Das vierte Kapitel geht auf Fichtes Stellung zum Christentum ein, insofern sie für eine philosophische Interpretation von Belang ist. Insbesondere wird Fichtes Umgang mit den biblischen Texten beschrieben und dessen Bedeutung für seine Philosophie erörtert. Als Grundlage dieses Kapitels dient die 6. Vorlesung der Anweisung. Hier wird deutlich, daß Fichte seine philosophische Theorie in einen Zusammenhang mit der Logoslehre des Christentums bringt.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit einigen Problemen, die vor der Wissenschaftslehre liegen, so z.B. mit der Frage, warum Fichte in der Wissenschaftslehre der Jahre 1804-1807 in stets neuer philosophischer Terminologie spricht. Diese Frage läßt sich nur beantworten auf dem Hintergrund der Auffassung Fichtes von der Aufgabe der Sprache, ihrer Entwicklung und ihrem philosophischen Gebrauch. Danach wendet sich dieses Kapitel dem Begriff der Wissenschaftslehre zu, einer von Fichte selbst so benannten Einleitung in die Wissenschaftslehre. Hier wird die Wissenschaftslehre historisch beschrieben, ohne jedoch selbst vollzogen zu werden.

Das sechste und siebte Kapitel vollziehen die Wissenschaftslehre. Dabei bleibt die Frage nach der Struktur der Wissenschaftslehre nicht unbeachtet. Im Mittelpunkt steht der Text der Wissenschaftslehre 18042. An der Wissenschaftslehre müssen sich schließlich die angeführten Thesen bewähren.

Das achte Kapitel wendet sich wieder einem historischen Thema zu. Allerdings ist die anfängliche, bloß historische Perspektive gebrochen. Der Nachvollzug der Wissenschaftslehre gerät mit in den Blick. Die Kontroverse zwischen Fichte und Schelling ist eine der großen Auseinandersetzungen in der Geschichte der Philosophie. Neben Polemik und bitteren Vorwürfen enthält die Kontroverse beider Denker auch eine Fülle an Argumenten. Trotzdem ist die Auseinandersetzung einseitig. Fichte konnte die Argumente Schellings vernehmen, Schelling dagegen hörte nur Fichtes Schweigen. Fichte beschränkte sich in den Jahren 1800-1806 darauf, Vorlesungen zu halten. Allerdings plante er noch im Jahre 1807 eine Schrift, in der er mit Schellings Philosophie endgültig aufräumen wollte.

In allen Kapiteln geht es um die Frage, wie das Verhältnis des Populären zum Wissenschaftlichen, des Realen zum Idealen, bei Fichte zu deuten ist und welchen Stellenwert schließlich das Absolute gewinnt, das als organische Einheit die Mannigfaltigkeit nicht destruiert, sondern prinzipiiert. Die Antwort gibt Fichte durch seine Theorie des Ich, in der das Sein als Ich oder das Ich als Sein jene Klammer bildet, die die absolute Einheit mit der Mannigfaltigkeit verbindet, ohne sich selbst als absolute Einheit zu verlieren.

Jahr: 1978