Alterität und Devianz

Alterität und Devianz. Figuren des Anderen und Abwegigen in Literatur und Philosophie um 1800

Tagung Daniela Schmidt, M.A., Elisabeth Johanna Koehn, Johannes-Georg Schülein, Johannes Weiß, Paula Wojcik

Bis heute speisen sich weite Teile der Debatten um Alterität aus einem Generalverdacht gegen die Philosophien Kants und des deutschen Idealismus, insbesondere gegen diejenige Hegels. Gemäß diesem Verdacht gibt sich Philosophie totalitär, indem sie das je andere und mannigfaltige Wirkliche in begrifflich-allgemeinen Repräsentationen entstellt und dadurch degradiert. Der Wille, wissenschaftlich zu begreifen und letztlich das Ganze der Welt in Systemform zu gießen, zergeht – nach einem Wort Adornos – vor dem mannigfaltigen Konkreten, das sich so gar nicht angemessen begreifen lässt. Menschen wie Dinge, beide sind stets mehr und anders als ein Begriff es zu sagen vermag. Dieser Verdacht sucht sich bisweilen in der literarischen Praxis und den theoretischen Entwürfen der Romantik einen Verbündeten. Von der frühromantischen Ironie als einer entgrenzten Darstellungs-form bis zu den Außenseiterfiguren Hoffmanns kommt in der Romantik ein Zug zum Uneinheitlichen, Differenten und Heterogenen zum Ausdruck, der sich in Stil und Ansatz von der zeitgleichen Philosophie nachhaltig abzusetzen scheint. So sehen einige in der Romantik sogar eine Vorwegnahme zentraler Motive und Ausdrucksstrategien, die bei Autoren wie Kierkegaard, Nietzsche, Levinas und Derrida bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ausstrahlen. Vor dem Hintergrund der Frage, ob diese verbreitete Erzählung in ihrer Pauschalität überhaupt überzeugt, möchte die Konferenz Figurationen des Anderen und Abwegigen im philosophischliterari-schen Milieu um das Jahr 1800 diskutieren. Welche Formen nimmt der Umgang mit Andersheit und Abwegigkeit zu dieser Zeit an? Inwiefern sind diese Entwürfe bis heute aktuell und erfordern vielleicht sogar eine Neubewertung oder Revision gegenwärtiger Paradigmen in den Alteritäts-Debatten? Formt das intellektuelle Milieu um 1800 vielleicht sogar eine Laboratoriumssituation, in dem eine bis heute wirksame Konfrontation zwischen literarischem und wissenschaftlichphilosophischem Ausdruck präfiguriert wird? Oder lässt sich zwischen philosophischem und literarischem Umgang mit Alterität und Abwegigkeit gar nicht derart strikt unterscheiden? Und nicht zuletzt: Wie stehen diese Entwürfe zu verwandten Tendenzen in Wissenschaft, Gesellschaft und Kunst?

Laufzeit: 11.11.2009 - 13.11.2009
Ort: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Doktorandenschule „Laboratorium Aufklärung“, Bachstraße 18k, Seminarraum 102, 07743 Jena
Förderung: Forschungszentrum „Laboratorium Aufklärung“