Cassirers dritter Weg der Philosophie
Cassirers dritter Weg der Philosophie
Dieser Vortrag stellt sich die Aufgabe, die Grundzüge einer Philosophie zu zeichnen, die uneingeschränkt von sich behauptet, den intellektuellen Herausforderungen des neuen Jahrhunderts entgegenkommen zu können. Nach einer kurzen Analyse der relevanten Vorgeschichte der Philosophie soll positiv bestimmt werden, was eine mögliche „Philosophie der Zukunft“ zu leisten hat. Anschließend sollen die Prinzipien, sowie die einzelnen Teile dieses philosophischen Programmes dargetan werden. Es wird sich herausstellen, dass die im 20. Jahrhundert vollzogene Trennung der Philosophie in einem sogenannten „analytischen“ und einem „kontinentalen“ Teil der philosophischen Orientierung, beide in der Form einer bewussten Gegenreaktion auf Kants Transzendentalphilosophie, nicht länger fruchtbar ist. Aus diesem Grund kann man beispielsweise in der analytischen Philosophie ein zunehmendes Bewusstsein von der allzu beschränkten Bestimmung der Philosophie als eine Wissenschaft wahrnehmen, die sich mit erkenntnistheoretischen und logischen Problemen beschäftigt. Dies führt unter anderem zu einer bescheidenen Rückbesinnung auf Kants Transzendentalphilosophie. Andererseits wird in der Philosophie der kontinentalen Strömung deutlich, dass die einseitige und geradezu anti-wissenschaftliche Beschäftigung mit Themen wie der „menschlichen Existenz“, dem „Sein“, „Sexualität“, „Technik“ und „Rassismus“ den Blick auf den Zusammenhang dieser verschiedenen Themenbereichen verloren hat. Eine Erschöpfung der typischen Themenbereiche der Nachkriegsphilosophie wird sichtbar. Denn Existenzphilosophie, Frankfurter Schule, Phänomenologie, Dekonstruktivismus, Strukturalismus, feministische Philosophie usw. beschäftigen sich bis auf heute mit Problemen, deren Konzeption und damit zugleich deren Lösung, zumindest ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Das gemeinsame Band, das diese sonst sehr unterschiedlichen Orientierungen zusammenhält, ist die bittere Enttäuschung über das angebliche Scheitern des Projektes der Aufklärung und die Verurteilung der Aufklärungsphilosophie als eigentlicher Anstifter aller Übel. Der vielversprechende Spruch des „Austreten des Menschen aus seine selbst verschuldete Unmündigkeit“ schien nach dem Aufstieg des Raubtierkapitalismus im 19. Jahrhundert, den verheerenden Auswirkungen des Nationalismus und der darauf folgenden Sozialisierung des Institutionalismus im 20. Jahrhundert genau so evident falsch zu sein wie das „Arbeit macht frei“ der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Dennoch gibt es keine Alternative zum Projekt der Aufklärung. Das faktische Schicksal der Menschheit beweist nicht die Falschheit von positiven Idealen wie Freiheit, Humanität, und Gleichberechtigung. Im Gegenteil, mit der radikalen Abwendung von diesen Idealen droht ein neuer Rückfall in dem vom Mythos gesteuerten Prozess der Zerstörung der Kultur. Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, die Gesetzmäßigkeit der verschiedenen Gestaltungen des menschlichen Weltverstehens zu ergründen, ohne eine bestimmte Perspektive als die einzig wahre fest zu legen. Die verschiedenen Formen der menschlichen Kultur sind als prinzipiell gleichberechtigte und aus einander qualitativ nicht herleitbare Dimensionen zu betrachten, deren wechselseitige Zuordnung kein statisches Verhältnis ausmacht, sondern eine dynamische Entwicklung zulässt. Für die Philosophie heißt das zum Beispiel, dass das „Rational-diskursive“ im engen Sinne nicht prinzipiell dem „irrationalen“ übergeordnet werden darf. Denn auch im sogenannten „Irrationalen“, im tiefsten Gefühl des Menschen, steckt eine Art von Wahrheit, die, obwohl qualitativ ganz anderer Natur als die wissenschaftliche Richtigkeit, doch nicht nach wesensfremden Prinzipien beurteilt und totalitär unterdruckt werden darf. Die neue Aufgabe der Philosophie besteht also darin, eine Form des menschlichen Lebens zu entwerfen, in dem alle sich behauptenden Richtungen des Weltverstehens in einem harmonischen Modell der wechselseitigen Zuordnung gebracht werden können.
Von besonderem Belang ist es dabei zu betonen, dass dieses Modell niemals als ein starres und geschlossenes System verstanden werden darf. Es ist eine unerlässliche Forderung einer Philosophie der Zukunft, dass sie als offener und dynamischer Prozess des Weltverstehens verstanden wird. Denn zu leben bedeutet anpassungsfähig zu sein und früher aufgestellte Postulate zu verwerfen, wenn neuere Einsichten dies erfordern. Verharrt die Philosophie dagegen in einem dogmatischen System, so ist sie nicht nur zum Tode verurteilt, sondern bereits tot.


