Wie entsteht Identität?

Wie entsteht Identität? Individuum, Nation und Europa im politischen Denken Fichtes

Tagung Dr. Christoph Binkelmann, Internationale Fichte-Gesellschaft (Prof. Jürgen Stolzenberg)

h oder gerade in einer Zeit wie der unsrigen, die sich einem Pluralismus an Lebensformen verschreibt, ist die Frage, auf welche Weise individuelle und kollektive Identität(en) entstehen und wie beide Bildungsprozesse miteinander zusammenhängen, weiterhin von großer Bedeutung. Ein Einblick in deren Genese und Interdependenz ermöglicht, unterstützend oder hemmend in diese Prozesse einzugreifen, um entweder einem bestehenden Mangel an sozialen Bindungen entgegenzuwirken oder der Gefahr einer die Pluralität vernichtenden Uniformität vorzubeugen.

Ergänzend zum empirisch-deskriptiven Zugang von Psychologie, Sozial- und Kulturwissenschaften bedarf es der grundlegenderen Fragedimension nach den nicht-empirischen Möglichkeitsbedingungen sowie der Legitimität von Identität. Welche apriorischen Grundstrukturen individueller und kollektiver Identitätsbildung gibt es und welche Formen von Identität lassen sich anhand dessen für das menschliche Zusammenleben rechtfertigen? Diese Perspektive auf die Problematik eröffnet insbesondere die Transzendentalphilosophie. Dass damit keineswegs der Bezug auf die geschichtliche Aktualität unterlaufen ist, demonstriert die Philosophie von Johann Gottlieb Fichte. Von den grundlegenden Schriften zur Wissenschaftslehre bis zu seiner praktischen Philosophie steht stets die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen von Identität und Selbstbewusstsein im Fokus des Interesses. Dabei bestätigt vor allem eine eingehende Untersuchung seiner Texte zur praktischen Philosophie, dass sich Fichtes Denken, so sehr es auch nach begrifflich-logischer Klarheit ringt, immer vor dem Hintergrund praktisch-politischer Überlegungen vollzieht. Fichte zeigt auf, wie sich individuelles Identitätsbewusstsein allein im Rahmen kollektiver Identitäten konstituieren kann. Sein Ziel ist es, ein Gesellschaftsmodell zu entwerfen, welches die individuelle wie kollektive Autarkie und Autonomie garantiert. Aus einer detaillierten Analyse der historischen Situation versucht er Mittel und Wege zu gewinnen, sein gegenwärtige Zeitalter in diese Richtung voranzutreiben. 200 Jahre nach Erscheinen von Fichtes Reden an die deutsche Nation ist es lohnenswert, einen intensiven Blick auf den politischen Fichte zu werfen.

Die Erklärung der Genese individueller und kollektiver Identität steht im Fokus seines Denkens von den revolutionsbegeisterten Anfängen bis hin zur antinapoleonischen Spätphase. Das Thema „Individuum, Nation und Europa“ gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen sich die Identitätsproblematik abspielt. „Europa“ dient dabei (wie schon für die Zeit Fichtes) zur Bezeichnung eines kulturellen Erbes, das sowohl die christlichen Wurzeln als auch eine seit der Antike geteilte Rationalität zum Ausdruck bringt. Daraus ergibt sich das Spannungsfeld von Identitätsbildung zwischen Individuum, Gesellschaft, Staat und Kultur, d.h. Vernunft und christlicher Religion. Fichtes Unternehmen stellt einen systematischen Versuch dar, die unterschiedlichen Bereiche zugunsten der menschlichen Freiheit zu vereinbaren und mittels Bildung (Erziehung) dem Volk zu vermitteln. 200 Jahre nach Erscheinen von Fichtes Reden an die deutsche Nation weiß man nicht zuletzt aus der Geschichte, dass Identitätsbildung mit einer mehr oder weniger feindlichen Abgrenzung gegenüber dem Anderen geschieht: Ob Ich gegen Nicht-Ich, Deutschland gegen die anderen Nationen (v.a. Frankreich), oder Europa gegen andere Kulturen – die Suche nach Identität enthält neben dem versöhnenden immer auch einen entzweienden Aspekt. Ob und wie Fichte auf Vorwürfe aus unserer pluralistischen Zeit reagieren kann, ist einer intensiven Beschäftigung wert, wovon nicht nur die Fichte-Forschung, sondern auch unser gegenwärtiges Zeitalter profitieren kann. Neben einem begrifflich- systematischen Verständnis von Fichtes Konzeption der Identitätsbildung in ihrer praktisch-politischen Tragweite steht daher deren Gegenwartsbezug in zweifacher Hinsicht: Zum einen verlangt eine „faire“ und konstruktive Auseinandersetzung mit Fichte die Verortung dieser Theorie in ihrer eigenen Zeit. Vor allem die populärphilosophischen Schriften wie die Reden sind ohne den geschichtlichen Bezug (Französische Revolution, Napoleon, die politische Situation Deutschlands) kaum zu verstehen. Der augenscheinliche Zeitbezug dieser Texte verlangt neben der rein philosophischen ebenso historische, soziologische und politologische Analysen. Zum anderen lässt sich daraus ein kritischer Bezug auf unsere heutige Zeit herstellen.

Laufzeit: 16.05.2008 - 18.05.2008
Ort: Barockschloss Rammenau
Förderung: Gemeinde Rammenau, Internationale Fichte-Gesellschaft