Interpretation – Transformation

Interpretation – Transformation. Das Platonbild bei Fichte, Schelling, Hegel, Schleierma-cher und Schopenhauer und das Legitimationsproblem der Philosophiegeschichte. Habili-tationsschrift, Göttingen 2006.

Monographie Prof. Dr. Christoph Asmuth

Das Verhältnis der Philosophie zu ihrer Geschichte ist – zumindest seit dem beginnenden 19. Jahrhundert – ein facettenreiches Problem: Die Vergänglichkeit philosophischer Positionen widerspricht ihrem Anspruch auf überzeitliche Geltung. Der Historismus des 19. Jahrhunderts, kontextualistische Theorien der Folgezeit, aber auch die Entwicklung von Sozial- und Mentalitätsgeschichten, machen es unmöglich, philosophische Theorien der Vergangenheit unmittelbar zu rezipieren. Wahrheit hat nicht nur einen Ort, sondern auch eine spezifische Zeit, ein ihr spezifisches sozio-kulturelles Umfeld. Das Buch untersucht zunächst dieses Verhältnis, indem es konkret fünf exemplarische Positionen vorstellt, wie sich Philosophen zu einem Autor der Vergangenheit, nämlich dem antiken Autor Platon, verhalten. Dabei spannt die Untersuchung einen Bogen von J.G. Fichte, der Platon in den Dienst seines eigenen Projektes, der Wissenschaftslehre stellt, über F.W.J. Schelling, der eine kantianische Transformation Platons vornimmt, über G.W.F. Hegel, der Platon einspannt in die Entwicklung der eigenen dialektischen Philosophiegeschichte, über Schleiermacher, der mit philologischem Instrumentarium Platon zu einem philosophischen Künstler stilisiert, bis zu Schopenhauer, der Platon integriert in die Vorgeschichte der Entdeckung eines blinden Weltwillens. Durch die Reflexion auf diese exemplarischen und selbst der Philosophiegeschichte angehörenden Positionen ergibt sich der zweite, der systematische Teil des Buches. Interpretation und Transformation sind integrale Momente aller Beziehung der Philosophie auf ihre Geschichte. Das Spannungsfeld von Historismus und systematischem Philosophieren formiert einen dynamischen Prozeß im Horizont der geschichtlich-kulturellen Selbstverständigung. Dabei ergibt sich folgendes Bild: Eine Theorie der Philosophiegeschichtsschreibung kann nicht abstrakt über die faktische Arbeit an der Geschichte der Philosophie hinweg gebildet werden. Darum versucht die Untersuchung in der konkreten Beschäftigung mit dem vergangenen Denken, eine Typologie zu entwickeln, in der philosophiehistorische Verfahren begründet und ausgewiesen werden können. Dabei liegt der Ausgangspunkt in der Prämisse, daß auch das vergangene Denken nur wirklich ist, wenn es konkret gedacht, d. h. nachvollzogen wird. Nachdenken gewesenen Denkens ist daher immer vergegenwärtigender Nachvollzug. Darin liegt zugleich der Ansatzpunkt zu einem grundsätzlich konstruktiven Verfahren: Im Nachdenken über vergangenes Denken, wird dieses erst zu dem, was es ist. Das ist ein verlebendigendes Verfahren der Philosophie. Andererseits ist das gegenwärtige Nachdenken – sowohl in seinen systematischen als auch in seinen historischen Momenten – Folge und Wirkung einer reichen Geschichte, die in ihren Formen und Formungen auch eine Geschichte des Denkens ist. Es gibt daher eine Dialektik zwischen Aneignung und Herkommen, die fundamentaler scheint als das Spannungsfeld von Historismus und Wahrheitsanspruch. Die Untersuchung macht diese Dialektik fruchtbar für einen kreativen Umgang mit der Philosophiegeschichte. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei der Frage, wie es überhaupt möglich ist, eigenes und geschichtlich fremdes Denken zu unterscheiden, wenn doch das aneignende, vergegenwärtigende Verfahren der Philosophie immanent ist. Die historische Distanz wird daher beschrieben als ein konstituierendes Verfahren: Distanz setzt Distanzsetzung voraus. Unterschiede sind nicht einfach da, sondern müssen gemacht werden, und, insofern die Philosophie ein methodisches Vorgehen anstrebt: Unterschiede müsse ausweisbar und nachvollziehbar gemacht werden. Das Buch plädiert dafür, das Legitimationsproblem der Philosophiegeschichtsschreibung nicht als eine Legitimationskrise zu betrachten, sondern als eine dem Nachdenken eingeschriebene Selbstverständigung. Eine defensive Haltung, die den Konservator als Prototypen des Philosophiehistorikers legitimieren will, ist ebenso unangemessen, wie die Auflösung des Historischen in die Gegenwärtigkeit nur scheinbar geschichtsloser Probleme

Jahr: 2006